Über den Verlust eines Beines und das Leben nach der Amputation

Herr D. ist 53 Jahre alt, verheiratet, Vater eines Sohnes, verantwortliche Elektrofachkraft, Vorarbeiter und Amputierter. Hier spricht er über den Verlust seines Unterschenkels.

Mehr Leben: Wie kam es zur Amputation?

Herr D.: Am 02.07.2016 war ich unverschuldet in einen Verkehrsunfall geraten, da ist mein linker Unterschenkel gebrochen und ich hatte einen großen Weichteilverlust. Da hat man mir zunächst einen Muskel aus dem Rücken genommen, den Latissimus, und implantiert. Und Haut vom Oberschenkel transplantiert. Nach der fünften OP hatte ich eine schwere Zeit, weil die Blutung am Rücken nicht stillen wollte. Also musste ich Blutkonserven bekommen, die hatten aber die falschen Antikörper, was ein Multiorganversagen zur Folge hatte. Meine Niere hat nicht mehr funktioniert, die Leber, alles. Ich lag dann auch im Koma, das hat sich wie ein Endlostraum angefühlt, aber ich habe alles mitgekriegt. Aber zum Glück ist dann alles wieder besser geworden und ich konnte zu meiner Eingliederung. Das war auch alles gut bis zum August 2018, wo bei einer Kontrolle festgestellt wurde, dass der Schienbeinknochen nicht mehr zusammenheilt, Ursache war ein Absterben des Knochens. Meine Ärzte haben sich beraten und wollten noch eine andere Möglichkeit probieren, die aber auch nicht möglich war, weil der Knöchel auch schon abgestorben war. So blieb nur noch die Amputation. Wir hatten uns aber darauf geeinigt, dass wir nur amputieren, wenn am Tag der Amputation eine Heilungschance von weniger als 30% besteht. Am 14.11.2018 war der Tag dann herangerückt und die Chance war noch nicht mal bei 15%. Seitdem lebe ich damit.

Und wie ging es dann weiter?

Ich war ja nur etwa eine Woche im Krankenhaus und dann kam schon die Prothese, das ging eigentlich sehr schnell. Ich bin durch Zufall auf die Firma Seeger gekommen, weil ich durch den Krankenhausaufenthalt bereits einen Mitarbeiter des Sanitätshauses kannte. Und eine Woche nach meiner Entlassung kam dann schon Marko Gänsl mit verschiedenen Füßen zum Ausprobieren, mit Dämpfung und ohne, einen Sportfuß usw. Das lief alles wunderbar und hat gut geklappt und so konnten wir schnell die gewählten Prothesen auch ordentlich einstellen. Die Krankenkasse wollte mir erst nicht den Fuß genehmigen, den ich mir ausgesucht hatte, aber Marko Gänsl und sein Kollege Florian Raeffler haben sich dann darum gekümmert, dass es doch funktioniert hat. Jetzt habe ich eine Sportprothese, die ist nicht so gedämpft, mit der ich an den Strand gehen kann, und eine gedämpfte für die Arbeit.

Konnten Sie dann gleich wieder laufen oder gab es da Schwierigkeiten?

Ich konnte sofort wieder laufen. Die Übergangszeit von der OP zur Prothese war ja nicht lang und mit der richtig eingestellten Prothese ging es sofort. Aber natürlich werden die Muskeln des gesamten Körpers jetzt ganz anders beansprucht, Wandern zum Beispiel geht sehr auf den Rücken. Das ist ein unangenehmer Nebeneffekt: Eine Stunde laufen und nichts geht mehr. Das war ich vorher nicht gewohnt. 

Welche weiteren Einschränkungen gibt es?

Ich kann keinen Schaltwagen mehr fahren, nur noch Automatik. Und um in das Auto reinzukommen, brauche ich so ein Drehkissen im Sitz, da setze ich mich hin und kann mich dann komplett reindrehen ins Auto. Wir sind da auch noch dran, ob wir hier von der Versicherung oder Krankenkasse Unterstützung bekommen können.
Nachts aufstehen und mit den Gehhilfen ins Bad, das hat ewig gedauert, also mache ich nachts immer die Prothese ran, wenn ich aufstehe. Am Anfang, als ich mit den Gehhilfen gegangen bin, wenn mir da etwas runtergefallen ist, wollte ich es mit dem Fuß wegschieben und lag dann wie ein Maikäfer auf dem Rücken.
Duschen ist auch nicht so einfach. Wir haben nur eine Badewanne und im Garten ist auch nur eine Dusche mit hohem Einstieg. Rein geht noch, aber raus wird zum Problem. Ich habe mir jetzt so einen Drehhocker bestellt. Und mit der Zustimmung der Wohnungsbaugesellschaft warte ich jetzt auf ein Angebot, um eine neue Badewanne mit Dusche einbauen zu lassen.
Im Garten ist auch noch ein Hochbett, und Gartenarbeit generell wird für mich problematisch. Zum Hecke schneiden muss ich eigentlich jemanden kommen lassen.
Ja und meinen Hobbys kann ich auch nicht mehr nachgehen. Fußball geht leider gar nicht mehr, beim Skifahren habe ich überlegt, ob ich mir noch eine Skifahrprothese anfertigen lasse. Da würde ich dann aber auch erst nochmal eine Stunde Skiunterricht nehmen…
In der Reha bin ich viel geschwommen. Mit solchen Schwimmhandschuhen, da hat man dann Schwimmhäute zwischen den Fingern. Und die Leistung, die vorher das Bein erbracht hat, muss jetzt vom Oberkörper und den Armen geleistet werden. Aber die Schwimmhandschuhe möchte ich mir für den Sommer auch noch zulegen.
Fahrradfahren ist zum Glück noch möglich. Ich merke zwar nicht, ob der Fuß von der Pedale rutscht, das ist besonders an einer Kreuzung ärgerlich, aber alles Gewöhnungssache. Damit fahre ich auch zur Arbeit.

Wie hat Ihr Arbeitgeber Sie unterstützt?

Ich arbeite in einer Maschinenbaufirma in Berlin. Nächstes Jahr bin ich 30 Jahre dort. Mein Arbeitgeber hat mich die ganze Zeit super unterstützt. Er hat mir meine Positionen freigehalten, obwohl das nicht so einfach war. Mein Arbeitsplatz wurde extra umgebaut. Jetzt ist alles ebenerdig und ich habe auch einen eigenen Duschplatz mit Griffen und einem Hocker und einem Platz, wo ich die Gehhilfen hinstellen kann. Meine Kollegen haben mich im Krankenhaus besucht und mir immer wieder Mut gemacht. Das war schon gut! Und jetzt bin ich auch wieder voll auf Arbeit, acht Stunden täglich.

Wie ging es Ihnen vor und nach der Amputation?

Da ich genug Zeit hatte, mich an den Gedanken zu gewöhnen, war ich gefasster als mein Umfeld. Meine Frau, meine Mutter, mein Bruder, die hat das alle mehr bedrückt als mich. Ich habe natürlich auch mentale Hilfe bekommen. Und gegen den Phantomschmerz nehme ich Psychopharmaka. Die Phantomschmerzen konnte ich mir vorher auch nicht vorstellen, aber nun habe ich sie. Da juckt der Fuß, oder er fühlt sich erfroren an, oder als ob der Schuh zu eng wäre. Aber man kann nicht jucken, oder den Schuh ausziehen, das ist nicht einfach. Beim Wetterumschwung ist es besonders hart. Und es gibt Nächte, da kann ich überhaupt nicht schlafen. Aber ich möchte langsam weg von den Medikamenten und versuchen, es so hinzukriegen.

Haben Sie Ratschläge oder Tipps für die, die auch in diese Situation kommen?

Ganz wichtig ist positives Denken. Man muss das beste aus der Situation machen. Wenn ich nicht so ein positives Gemüt hätte, wäre alles viel schwieriger geworden. Man denkt viel mehr über die Gesundheit nach. Hektisches Arbeiten fällt aus, man macht alles viel ruhiger. Man darf nie aufgeben, auch wenn die Krankenkasse etwas nicht gewähren will, muss man dranbleiben. Ohne meine Frau hätte ich da schon längst kapituliert. Und natürlich all die Ratschläge der Ärzte und Orthopädietechniker beachten und befolgen, dann kann eigentlich nichts schief gehen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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