Lymphödem – Wasserstau im Lymphgefäßsystem

Der Begriff Lymphödem beschreibt ein Krankheitsbild, bei dem sich Wasser im Gewebe staut, weil der Lymphfluss blockiert ist.

Man schätzt, dass in Deutschland etwa 2,2 Millionen Erwachsene an einem Lymphödem leiden, davon etwa 300.000 mehr Frauen als Männer. Das Lymphödem kann unterschiedliche Körperregionen betreffen, am häufigsten ist es jedoch an Armen und Beinen zu finden. Um die Ursachen des Lymphödems und die Möglichkeiten der Therapie zu erkennen, muss ein Blick auf das Transportsystem geworfen werden, das genauso wie das Blutsystem am Flüssigkeitsabtransport beteiligt ist: das Lymphsystem.

Was ist die Lymphe und was passiert im Lymphsystem?

Das Lymphsystem bildet neben dem Blutkreislauf das zweite wichtige Transportsystem des Körpers. So übernimmt es die Aufgabe der Abfallwirtschaft. Es transportiert die Abfallprodukte des menschlichen Stoffwechsels, die durch die Größe ihrer molekularen Struktur nicht in den Blutbahnen verbleiben können, über ihre eigenen Bahnen ab. Das können Eiweißbausteine, Fette, Fremdstoffe, z.B. Farbe von Tätowierungen, oder auch Bakterien, Viren sowie Tumorzellen sein. 

Das Gefäßsystem des Lymphsystems kann man sich wie auch das Blutsystem als einen Baum vorstellen, der sich immer weiter verästelt. Seine Lymphgefäße sind – ähnlich wie die Venen – muskelschwach und mit Klappen ausgestattet, die einen Rückfluss verhindern. Aufgrund ihrer eigenen muskulären Schwäche profitieren sie von fremder Bewegung der umliegenden Gewebe: der Atem- und Darmbewegung, aber auch dem Pulsieren der Arterien, zu denen sie über weite Strecken parallel verlaufen.

Lymphe: Transport und Abwehr
Damit der Abtransport der Abbauprodukte funktioniert, fließt durch die Lymphbahnen die Lymphe. Diese klare Flüssigkeit nimmt die Nährstoffe und den Sauerstoff aus dem Blut auf und gibt sie an die Zellen weiter, während diese ihre Abfallprodukte an die Lymphe abgeben. An den Stellen, an denen die Flüssigkeit viele Zellen aus dem Fettstoffwechsel transportiert, wird sie weißlich-milchig. Die Lymphbahnen münden schließlich wieder in den Teil des Blutkreislaufs, der für das verbrauchte Blut verantwortlich ist: den Venen.

Außerdem hat das Lymphsystem noch eine andere lebenswichtige Aufgabe: es dient mit seinen Organen – zu diesen gehören vor allem die Lymphknoten, bestimmte Zellen im Darm, die Rachenmandeln und die Milz – der körpereigenen Abwehr. In den Lymphknoten wird die Lymphe gereinigt und gefiltert sowie die Lymphozyten, also die Abwehrzellen werden gebildet. 

Aufgaben des Lymphsystems: 

  • Ernährung von Zellen
  • Abwehrsystem
  • Abtransport der Abbauprodukte

Schwellung und Bewegungseinschränkung: Was ist ein Lymphödem?

Ist der Lymphfluss blockiert, staut sich das Wasser im Gewebe und bildet Schwellungen, also Ödeme. Wenn die Lymphgefäße betroffen sind, spricht man in diesem Fall von einem Lymphödem. Wie bei fast allen Erkrankungen lassen sich auch beim Lymphödem eine primäre von einer sekundären Form und ein akuter Verlauf von einem chronischen unterscheiden.

Welche Formen und Ursachen von Lymphödemen gibt es?

Von einer primären Form wird gesprochen, wenn es aufgrund erblicher Fehlbildungen zu einer Blockade des Lymphflusses bzw. einer Störung im Lymphgefäßsystem kommt. Sie betrifft deutlich mehr Frauen, überwiegend erst mit dem Eintritt der Geschlechtsreife. Die Lymphe staut sich dabei meist einseitig in den Beinen und wandert von den Zehenspitzen weiter nach oben. Die sekundäre Form – sie tritt doppelt so häufig auf wie die primäre – ist nicht anlagebedingt, sondern entwickelt sich, wenn das Lymphsystem durch äußere Einwirkungen geschädigt wird. Dies geschieht bei uns meist durch medizinische bzw. ärztliche Eingriffe, z.B. als Folge von notwendigen Operationen oder Bestrahlungstherapien im Rahmen einer Krebsbehandlung oder aufgrund eines Tumors, der in die Lymphbahn einwächst und diese blockiert.

In tropischen Ländern kann ein Parasitenbefall mit Fadenwürmern zur Schädigung führen. Bei uns tritt das sekundäre Lymphödem am häufigsten am Arm auf, nämlich nach Brustkrebsoperationen mit Bestrahlung. Hier wandert das Ödem – auch an den Beinen– von oben nach unten. Denn der Grund für den Befall der Beine sind Operationen und Bestrahlungen von Organen, die höher gelegen sind, wie z.B. des Darms, der Blase oder der Fortpflanzungsorgane.

Lymphödem: Akute und chronische Form

Die akute Form des Lymphödems tritt bei Entzündungen auf. Jeder kennt die Schwellung nach einem Insektenstich oder bei einer Zahnvereiterung. Beide verschwinden nach gewisser Zeit. Währenddessen heilt die Entzündung ab und das Lymphsystem kann den Flüssigkeitsüberschuss abtransportieren, der entstehen konnte, weil die kleinsten Blutgefäße entzündungsbedingt durchlässiger als sonst wurden. Bei der chronischen Form kann dieser Abtransport aber auch im Laufe der Zeit nicht mehr ausreichend gelingen, weil das Lymphsystem selbst geschädigt ist.

Das erworbene Lymphödem kann, muss aber nicht chronifizieren, d.h. chronisch werden. Nach Brustkrebsoperationen kommt es oft durchaus zu spontanen Rückbildungen, die bereits innerhalb einiger Monate, spätestens aber nach zwei bis drei Jahren eintreten. Dabei spielt einerseits die Art der erfolgten Krebsbehandlung eine entscheidende Rolle. Ebenso wichtig ist es jedoch, dass sich sowohl Arzt und Patient bereits zu Anfang über das mögliche Risiko eines Lymphödems im Klaren sind, damit das Lymphödem rechtzeitig erkannt und im Verlauf angemessen behandelt werden kann.

Diagnose und Behandlung von Lymphödemen

Die Diagnose des Lymphödems ist nicht immer einfach und eindeutig, vor allem wenn es am Bein auftritt. Denn dort kann es von anderen Ödemen, die aufgrund anderer Erkrankungen entstanden sind, z.B. durch Herz-, Leber- oder Nierenerkrankungen, überlagert werden und dann nach unten sacken. Auch im Verlauf der Schwangerschaft sind Wassereinlagerungen häufig und bilden sich dann nach der Entbindung in der Regel rasch zurück. Damit dies nicht mit einem Lymphödem verwechselt wird, müssen die Wassereinlagerungen im Rahmen einer körperlichen Untersuchung überprüft werden. 

Ein wichtiges Unterscheidungskriterium besteht darin, dass sich das Lymphödem bei der Hochlagerung der Beine nicht spontan zurückbildet und meist nur eine Seite betrifft. Zusätzlich wird der Umfang des betroffenen Körperteils an festgelegten Stellen gemessen und mit dem der anderen Seite verglichen. Für den Arm gilt die Diagnose Lymphödem als gesichert, wenn dort eine Umfangsdifferenz von mindestens zwei Zentimetern besteht. 

Ein Drucktest gibt Ihnen Aufschluss

Auch die Beschaffenheit der Haut spielt eine wichtige Rolle. Je stärker das Lymphödem ausgeprägt ist, umso stärker ist sowohl die Schwellung als auch die Verhärtung der Haut im betroffenen Gebiet. Sie lässt sich dann – anders als im Anfangsstadium – nicht mehr mit den Fingern eindrücken, die Schwellung bleibt. Lässt sich eine Hautfalte über den Zehen (oder entsprechend am Arm oder der Hand) nicht mehr bzw. kaum abheben, spricht dies – als sog. Stemmersches Zeichen – eindeutig für das Bestehen eines Lymphödems. Eine Ultraschalluntersuchung der Venen (Duplexsonographie) hilft, Zweifelsfälle abzuklären. Beim Verdacht auf eine Infektion oder ein möglicherweise bestehendes Tumorleiden als Ursache wird zusätzlich eine Labordiagnostik erfolgen.

Diese Symptome können bei Lymphödemen auftreten:

  • Langanhaltende Schwellung
  • Krankhafte Veränderung der Haut
  • Im Anfangsstadium: weiche Schwellung, Delle bleibt nach Drucktest zurück
  • Im späteren Stadium: verhärtete Schwellung 
  • Einschränkung der Beweglichkeit
  • Spannungsgefühl
  • Hautfalten kaum abhebbar

Wie werden Lymphödeme therapiert?

Es ist wichtig, das Lymphödem frühzeitig zu erkennen und angemessen zu behandeln, damit kein chronischer Verlauf entsteht, der schlimmstenfalls zu einer sog. Elephantiasis führt. Bei dieser ist das betroffene Körperteil so stark angeschwollen und dessen Haut so verdickt, dass es so unförmig groß wie das eines Elefanten erscheint.

Zwar gibt es mittlerweile einige operative Behandlungsansätze, sie können jedoch nur in Einzelfällen Linderung bieten. Auch Medikamente helfen beim Lymphödem nicht. Im Gegenteil: die sog. Wassertabletten – ihr Fachbegriff lautet Diuretika –, die häufig aufgrund anderer Erkrankungen wie z.B. bei Bluthochdruck verschrieben werden, führen zu einer Verschlimmerung des Lymphödems. Sie erhöhen den Eiweißgehalt im Gewebe und ziehen dadurch mehr Flüssigkeit nach bzw. mit sich. Daher muss ihr Einsatz mit dem behandelnden Arzt besprochen und ggf. eine Medikamentenumstellung vorgenommen werden.

Therapie gegen Lymphödeme: Kompression statt Tabletten

Um einen (weiteren) Flüssigkeitsstau zu verhindern bzw. den Lymphfluss wieder anzuregen, greift man stattdessen zu folgenden Maßnahmen:

  • Kompression
  • Manuelle Lymphdrainage
  • Entstauungsgymnastik
  • Hautpflege und -schutz


Eine Behandlung durch Kompression, also den Druck von außen, wird zuerst durch medizinische Bandagen, später durch spezielles Kompressionsmaterial durchgeführt. Dazu werden beispielsweise Kompressionsärmel als auch entsprechende Handschuhe und Strümpfe genutzt. Auch die manuelle Lymphdrainage dient der Anregung des Lymphflusses. Mithilfe einer speziellen, sanften Massagetechnik wird die Flüssigkeit dabei von ausgebildeten Physiotherapeuten aus dem betroffenen Gebiet herausmassiert. Je nach Schweregrad des Lymphödems erfolgt diese Massage ein- bis mehrmals pro Woche. 

Die Wirkung der Lymphdrainage würde aber – nur für sich genommen – bereits nach wenigen Stunden wieder verfliegen. Sie wird und muss daher immer in Kombination mit einer Kompressionsbehandlung z.B. mit einer Kompressionsbandage erfolgen. Die Kosten für Kompressionstherapie und Lymphdrainage übernehmen die Krankenkassen. Gebraucht wird dazu eine ärztliche Verordnung, die jedoch nicht zwangsläufig von einem Facharzt ausgestellt werden muss. 

Bewegung und Schutz für betroffene Körperteile

Eine Entstauungstherapie in Form von Entstauungsgymnastik trägt ebenfalls wesentlich zur Verbesserung des Lymphabflusses bei. Um ihre Wirkung zu steigern, wird während der gymnastischen Übungen das jeweilige Kompressionsmaterial getragen. Da das chronische Lymphödem die Haut angreift und ihre Struktur verändert, ist sie besonders anfällig für weitere Schädigungen, die durch Verletzungen und/oder Infektionen entstehen können. Um solchen Schädigungen vorzubeugen, sind Hautpflege und -schutz, z.B. durch das Tragen von Handschuhen von großer Bedeutung. Lassen Sie sich dazu von Ihrem Arzt oder Apotheker gezielt beraten.

Dazu braucht es – wie bei allen schwierigen Krankheitsbildern – Geduld und vor allem die aktive und kontinuierliche Mitarbeit des Betroffenen. Eine Kompressionsbehandlung kann nur dann wirken, wenn sie tatsächlich konsequent durchgeführt wird. Gleiches gilt für die Entstauungsübungen und die präventiven Maßnahmen. Zu diesen gehört auch, keine zu stark einengende Kleidung oder Schmuck am betroffenen Arm zu tragen.

So können Sie im Alltag mit Lymphödemen umgehen

Da nicht jeder über Wissen zu Lymphödemen verfügt, müssen Sie Ihre Umgebung gezielt auf die notwendigen Schutzmaßnahmen aufmerksam machen; so etwa beim Blutdruckmessen oder der Blutentnahme. Beide sollten immer am gesunden Arm erfolgen.

Um den Alltag mit dem Lymphödem gut bewältigen zu können, gibt es glücklicherweise mittlerweile eine ganze Reihe von zusätzlichen Hilfsmitteln wie z.B. Anziehhilfen, die Sie unterstützen. Fragen Sie Ihren Behandler und/oder im Fachhandel gezielt danach.

Unterstützung und Auskunft bieten auch Selbsthilfegruppen. Die Betroffenen dort wissen nicht nur über die mit der Erkrankung verbundenen Schwierigkeiten aus eigener Erfahrung genau Bescheid, sondern sind – in der Regel – auch fachlich sehr gut informiert.

Weiterführende Informationen unter:
www.dga-gefaessmedizin.de
www.lymphverein.de
www.apotheken-umschau.de

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