Osteoporose - Im Gespräch mit Dr. med. Stephan Kewenig

Im Gespräch mit Dr. med. Stephan Kewenig zum Knochenschwund. Hier erfahren Sie alles Wichtige zur Entstehung und Therapie der Osteoporose.
© Stephan Kewenig

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Bitte erzählen Sie etwas über sich selbst.

Dr. Stephan Kewenig:
Ich bin Internist/Gastroenterologe, habe überwiegend in Berlin studiert. Nach dem Studium hat es mich für viele Jahre ins Saarland verschlagen. Ich habe dort an der Universitätsklinik und auch später wieder in Berlin viele Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen betreut, die wir ja bis vor 10, 15 Jahren noch sehr intensiv mit Cortison behandeln mussten. Damals bin ich immer hellhöriger in Bezug auf das Thema Osteoporose geworden, da viele meiner Patienten unter Cortison spontane Knochenbrüche, also ohne größeren Sturz oder Unfall, erlitten. Ich habe dann gelernt, dass die Osteoporose in Deutschland ein Riesenthema geworden ist. 2000 Knochenbrüche am Tag durch Osteoporose allein in Deutschland, das sind jede Minute ein bis zwei. Die Krankheitskosten sind mit denen von Diabetes gleichgezogen. Und jeder spricht über Diabetes, aber viel zu wenige über Osteoporose, deswegen beschäftige ich mich mittlerweile ausschließlich mit dem Thema.

ML: Was versteht man unter Osteoporose?

Dr. Stephan Kewenig:
Osteoporose bezeichnet eine Erkrankung, bei der es aufgrund eines zunehmenden Knochenabbaus zu einer erhöhten Knochenbrüchigkeit kommt. Bei einer fortgeschrittenen Osteoporose kann es sogar schon beim Husten oder Tragen von schweren Gegenständen zu Brüchen insbesondere im Bereich der Wirbelkörper kommen.


ML: Halten Sie den Begriff „Knochenschwund“ für passend?

Dr. Stephan Kewenig:
Absolut, ich denke, das ist ein sehr lautmalerischer Begriff, jeder stellt sich in etwa das richtige darunter vor.

ML: Warum trifft es hauptsächlich Frauen?

Dr. Stephan Kewenig:
Beim Eintritt in die Menopause, also dem Nachlassen der Regelblutung, wird bei Frauen weniger Östrogen gebildet. Östrogen ist unter anderem für die Knochengesundheit von hoher Bedeutung, der Knochen leidet also in der Menopause. Bei Männern gibt es diesen relativ plötzlichen und starken Hormonabfall um das 50. Lebensjahr nicht, zumindest nicht in dem gleichen Maße wie bei Frauen. Aber auch Männer entwickeln häufig eine Osteoporose, diese wird meist noch später erkannt als bei Frauen und verläuft somit in der Regel dramatischer, weil „Mann“ so etwas eben einfach nicht hat, das ist ein echtes Problem.


ML: Wie kommt es zur Osteoporose?

Dr. Stephan Kewenig:
Die Osteoporose kann unterschiedlichste Ursachen haben, häufig spielen bei ihrer Entstehung mehrere Faktoren eine Rolle. Über die Bedeutung der Hormone bei der Frau und auch beim Mann (hier dann eher das Testosteron und Estradiol), haben wir schon gesprochen. Natürlich gibt es genetische Faktoren: Mutter oder Vater mit Osteoporose, hier insbesondere mit der berüchtigten Schenkelhalsfraktur, sind ein Risikofaktor. Lebensstilfaktoren wie z.B. das Rauchen oder  übermäßiger Alkoholkonsum erhöhen das Risiko, eine Osteoporose zu entwickeln. Auch über Medikamente haben wir schon gesprochen, das Cortison. Aber es gibt viele weitere Medikamente, die sich negativ auf die  Knochengesundheit auswirken, allen voran auch die Magensäurehemmer, die ja mittlerweile frei verkäuflich sind und von vielen Menschen als ungefährlich angesehen werden. Zu guter Letzt gibt es viele Erkrankungen, die die Entstehung einer Osteoporose begünstigen: Brust- bzw. Prostatakrebs, die mit Antihormonen therapiert werden, rheumatische Erkrankungen wie z.B. die rheumatoide Arthritis oder der Morbus Bechterew, neurologische Erkrankungen wie die Epilepsie, eine COPD ist ebenso ein Risikofaktor wie eine Magersucht und vor echte Probleme stellen uns die diabetologischen Patienten, allen voran die Typ 1 Diabetiker. In jeder medizinischen Disziplin gibt es Patienten, die eigentlich von den betreuenden Ärzten angesprochen werden sollten, hier muss intensiv geschult werden, damit uns die Patienten nicht immer erst geschickt werden, wenn die Fraktur schon da ist.


ML:Woran kann man Osteoporose erkennen?

Dr. Stephan Kewenig:
Osteoporose tut nicht weh! Das ist ja das Hinterhältige an der Erkrankung, es gibt keine Warnsymptome. Spätestens, wenn man sich etwas bricht, sollte man sich fragen, ob die Ursache hierfür nicht eine Osteoporose sein könnte. Natürlich nicht der 12-Jährige, der vom Baum fällt und sich den Oberarm bricht oder die 8-Jährige, die sich beim Fußball den kleinen Zeh bricht. Aber Frauen um die Menopause herum und Männer ab dem 50. Lebensjahr sollten bei Frakturen immer fragen, ob die Ursache nicht eine Osteoporose sein könnte, insbesondere wenn Risikofaktoren, wie oben beispielhaft benannt, vorliegen. Die Diagnostik ist ja einfach: nach Leitlinie des Dachverbandes der Osteologen (DVO) soll bei Patienten, bei denen der Verdacht auf eine Osteoporose besteht, eine Knochendichtemessung mittels DXA, eine Blutentnahme und eine  Risikofaktorbestandsaufnahme durchgeführt werden. Das ist alles völlig ungefährlich, nicht strahlenbelastend und tut nicht weh. Das sollte flächendeckend durchgeführt werden, davon sind wir weit entfernt. In Deutschland gibt es ca. 6-8 Millionen Menschen mit einer Osteoporose und nur jede(r) Vierte weiß, dass die Diagnose besteht.

ML: Was kann man dagegen tun?

Dr. Stephan Kewenig:
Wir können Knochenbrüche durch Medikamente um bis zu 70% reduzieren, das ist eine wahnsinnig erfolgreiche Therapie, die überdies auch noch viel besser verträglich ist als ihr Ruf! Und einmal in der Woche eine Tablette zu schlucken oder alle 3 oder 6 Monate eine Injektion zu bekommen ist jetzt auch nicht wirklich beeinträchtigend.
Leider berichten nur Patienten mit negativen Erfahrungen im Internet. Die vielen Menschen, die ohne Probleme ihre Medikamente einnehmen, schreiben leider selten darüber. Aber neben den sehr erfolgreichen und gut  verträglichen Medikamenten ist es genauso wichtig, dass auf ausreichende Kalzium- und Vitamin D-Zufuhr geachtet wird. Kalzium benötigen wir 1000 mg pro Tag, am besten physiologisch über Milchprodukte (zwei Scheiben Käse, ein Glas Milch, ein Joghurt pro Tag und eine Portion grünes Gemüse sind ausreichend) oder kalziumhaltige Mineralwasser. Die Brausetabletten
sind meist nur die letzte Option, wenn alles andere nicht ausreicht. Vitamin D könnten wir zumindest im Sommer ausreichend
über das Sonnenbad in unserer Haut produzieren lassen, aber da wir uns wegen des Hautkrebsrisikos meist mit Sonnencremes mit hohen Lichtschutzfaktoren eincremen, kommt kein aktivierender Effekt der Sonnenstrahlen mehr an. Und im Winter sehen wir die Sonne sowieso viel zu selten in unseren Breitengraden. Generell kann man jedem Erwachsenen empfehlen 500-1000 IE Vitamin D täglich einzunehmen, je nachdem, wieviel man im Sommer die Sonne an sich lässt. Damit kann man eigentlich nichts verkehrt machen. Und last but not least ist Sport von extremer Bedeutung! Insbesondere Muskel- und  Gleichgewichtstraining sind wichtig, zweimal pro Woche 30 Minuten. Die Art des Sportes ist gar nicht so bedeutend, auch Paartanz und Vibrationstraining haben sehr positive Effekte in Studien gezeigt, es gibt für jeden etwas, man muss nur nach dem passenden Sport suchen. 


ML: Haben Sie einen Ratschlag für die betroffenen Patienten?

Dr. Stephan Kewenig:
Lassen Sie sich testen!


Wir bedanken uns für das interessante Gespräch.

 

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