"Vorbeugen ist besser als heilen" - Im Gespräch mit Dr. Rex Lehnigk

Dr. Rex Lehnigk, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, über die Anwendungsgebiete der orthopädischen Behandlung

Mehr Leben:
In Ihrer Praxis in Berlin-Prenzlauer Berg und als Operateur in verschiedenen OP-Zentren beraten Sie PatientInnen zu konservativen Behandlungen des gesamten Bewegungsapparates sowie zu Operationen, speziell rund um das Knie- und Hüftgelenk. Was begeistert Sie besonders am Umgang mit dem Bewegungsapparat?

Dr. Rex Lehnigk:
Der Begriff Orthopädie leitet sich von altgriechisch „orthos“ = gerade/aufrecht und „paedion“= Kind ab. Die Benutzung des Bewegungsapparates beginnt also mit der ersten Lageveränderung am Anfang des Lebens und hält bis ins hohe Alter an. Mit orthopädischen Behandlungen können wir Menschen helfen, die sich bewegen wollen und motiviert sind, Kontrolle über Belastung, Belastbarkeit, Balance und Stabilität ihres Muskel-, Faszien-, Sehnen- und Gelenksystems zu erreichen. In der Praxis schildern die PatientInnen ihre Beschwerden und bei einer funktionellen Untersuchung mit Winkel-, Kraft- und Umfangsmessungen zeigen sich häufig die Fehlbelastungen, über Jahre konditionierte biomechanische Gelenkausrichtungen, Verkürzungen der Sehnen und Fehlfunktionen in der Benutzung der Muskulatur.

Die Schmerzursachen in der konservativen ganzheitlichen Orthopädie zu finden und zu erläutern, macht mir Spaß. Dabei arbeite ich nach dem Grundsatz „Vorbeugen ist besser als heilen“. Wir geben unseren PatientInnen verschiedene Formen der orthopädischen Prophylaxe und einfache moderne Hilfsmittel der Faszien- oder Triggerpunkt-Therapie mit auf den Weg. So können sie sich zum Beispiel mit „Massagepistole“, Faszienrolle oder Balancebrett selbst behandeln. Jede Form der kontrollierten Bewegung, Gymnastik und Körperwahrnehmung – etwa durch Yoga, Tai Chi, Qigong, Kneipp-Anwendungen oder „kurzer Fuß nach Janda“ – sowie eine gesunde Ernährung sind ein Anfang der Therapie. Wir betreuen viele motivierte und engagierte PatientInnen, die unserem Ansatz folgen; dafür sind wir dankbar und dies macht die Begeisterung für die Orthopädie aus.

ML: Inwiefern hat die Pandemie Ihren medizinischen Alltag verändert?

Dr. Rex Lehnigk:
Die Zahl der PatientInnen hat in der Tat leicht abgenommen. Unsere Arztpraxis musste jedoch keine Kurzarbeit anwenden oder gar schließen. Der Alltag ist von der Einhaltung der Corona-Regeln definiert: Maske tragen, Abstand halten, Desinfektion und Händewaschen. Wir sind da und machen unsere Arbeit so gut wir können.

ML: Verändert die Krisenzeit die Gesundheit Ihrer PatientInnen aus orthopädischer Sicht? Mit welchen typischen Symptomen sehen sich Ihre PatientInnen häufig konfrontiert?

Dr. Rex Lehnigk:
Die akuten und Sportverletzungen sind weniger geworden. Aktuell kommen die PatientInnen nach kurzer Selbsttherapie mit Verspannungen und Schmerzen besonders im Nacken und Schultergürtel, „Brennen“ sowie Blockierungen im Bereich der Schulterblätter und Brustwirbelsäule oder dem typischen „Hexenschuss“ im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Beckengürtels. Neu und intensiv sind tatsächlich die Schmerzen nach langem Sitzen insbesondere mit oder auf gebeugten Kniegelenken im Homeoffice rund um das Knie und Oberschenkel und Wadenmuskulatur.

Nach schulmedizinischer Abklärung der Beschwerden, sind häufig Verspannungen und eine „zu kurze“ Muskulatur sowie damit verbundene Bewegungseinschränkungen der angrenzenden Gelenke Ursache der Schmerzen, des Druckgefühls und der Steifigkeit.

ML: Die Faszienbehandlung und Triggerpunkt-Therapie können durchaus etwas schmerzhaft sein. Welche Methoden sollte man bei welchen Krankheitsbildern anwenden? 

Dr. Rex Lehnigk:
Faszien sind die feinen Bindegewebe, Hüllen und Septen, die insbesondere um den Muskel als Stützbindegewebe fungieren und damit Stabilität und Bewegung ermöglichen. Die Triggerpunkte sind harte schmerzhafte Knoten in der Muskulatur, oberflächlich sowie tiefsitzend. Diese Gewebeverdichtungen führen lokal zu Entzündungen und Schmerz. Es kommt zu einer Fibrosierung, also zu „Verklebungen“ in den Faszien, welche strangförmige Schmerzen verursachen können. Die Ursache der Schmerzentstehung über verschiedene Rezeptoren wird aktuell auf unterschiedlichen Ebenen erforscht.[1]

Die lokalen Schmerzpunkte oder Körperareale können mit verschiedenen Methoden therapiert werden: zum Beispiel Akupunktur in Form von „Dry Needling“, die Extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT), die gerätebasierte lokale Faszien-Gewebebehandlung mit einer „Massagepistole“ sowie Faszienrollen aller Art.

ML: Was ist das Besondere an den Methoden? Welche Krankheitsbilder sind geeignet?

Dr. Rex Lehnigk:
Optimale Einsatzbereiche für die „Massagepistole“ und die Faszienrolle sind Muskelverspannungen und -ermüdungen, lokale wie regionale Muskelverhärtungen, aber auch Schwellungen ohne Entzündungs- oder Infektionszeichen. Häufig sind verschiedene Therapieaufsätze für die „Massagepistole“ vorhanden. Die „Massagepistole“ sowie die Faszienrolle sind leicht bedienbar. Anleitungen werden vom Hersteller gestellt. Es gibt auch digitale Schulungsprogramme. Beides kann zu Hause angewendet werden, nimmt nicht viel Platz weg und kann schnell Erleichterung bei Schmerzen bringen. 
Bei der Faszienrolle ist jedoch unbedingt zu beachten, dass es sich hier um ein Therapie- und Trainingsgerät handelt, das heißt, die korrekte Körperposition ist wichtig und am Anfang sind Konzentration, Kraft und Koordination die limitierenden Faktoren für die Einsatzzeit.

Der Vorteil der Massagepistole: Es ist ein Therapiegerät mit stufenweise einstellbarer Frequenz und Intensität. Die Dosierung ist also selbst wählbar und der Einsatz wird an der Symptomatik, Intensität und Körperregion ausgerichtet. PatientInnen sollten es so nutzen, dass es angenehm für sie ist. Und vergessen Sie das Motto: „Viel hilft viel!“ Nicht geeignet ist die Massagepistole für PatientInnen mit Entzündungen, Tumoren, Frakturen und bei Einnahme von Blutverdünnern.

Mein Tipp: Fangen Sie langsam an und lernen Sie bei jeder Behandlung dazu, seien Sie neugierig.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Dr. Lehnigk!

Kontakt:

OrthoPraxisBerlin

Dr. med. Rex Lehnigk

Orthopädische Facharztpraxis

Pasteurstraße 5

10407 Berlin

www.orthopraxisberlin.de

 

 

[1] Deutsche Zeitschrift für Akupunktur: Faszienforschung: Quo vadis? Neue Wege in der Akupunktur, Ausgabe 6/2018, Autoren: Johannes Fleckenstein, Robert Schleip, Cornelia Sachs, Mark Driscoll, Susan Shockett, Thomas Findley, Werner Klingler
Zippel, Hartmut: Orthopädie systematisch, Uni-Med, Lorch, 1996 

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