Kinderorthopädie – Prävention, Krankheitsbilder und Behandlung

Die Kinderorthopädie ist ein Spezialgebiet der Orthopädie und gleichzeitig ihr Ursprung. Der Schwerpunkt liegt auf der Behandlung kindlicher Fehlbildungen und Fehlhaltungen des Bewegungsapparates.

Grundlagen der Kinderorthopädie

Die Orthopädie war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts stark auf die Therapie von Kindern und Jugendlichen konzentriert. Dabei war es gleichzeitig ein sog. konservatives Fachgebiet, d.h. ihr Schwerpunkt lag nicht auf operativen Eingriffen. Dies hat sich im Laufe der letzten 70 Jahre durch den technologischen Fortschritt grundlegend verändert. Insbesondere der Gelenkersatz spielt inzwischen eine große Rolle und hat die Kinderorthopädie mit ihren konservativen Behandlungen in den Schatten der Erwachsenorthopädie mit hauptsächlich operativen Maßnahmen gerückt.

In einer Zeit, in der Generationsgrenzen zunehmend verwischen sowie geistige und körperliche Leistungsfähigkeit einen sehr hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben, ist es wichtig, sich den Grundsatz der Kinderheilkunde in Erinnerung zu rufen, der auch für die Kinderorthopädie gilt: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie dürfen daher nicht wie Erwachsene behandelt werden. Diese Regel beruht auf den Kenntnissen über die körperliche und geistig-seelische Entwicklung. Sie verläuft in unterschiedlichen Phasen und zeigt individuelle Abweichungen: jeder Mensch braucht unterschiedlich lang, um als erwachsen gelten zu können.

Körperwachstum durch Hormone gesteuert

Der wesentliche Unterschied in der Behandlung von Kindern und Erwachsenen besteht darin, dass Kinder sich im Wachstum befinden. Für die Orthopädie bedeutet dies vor allem eins: Ihr Bewegungsapparat weist noch keine Verschleißerscheinungen auf. Im Gegenteil: Knochen von Kindern sind – aufgrund des größeren Knorpelanteils – im Vergleich zu denen von Erwachsenen weich. Das Knochenwachstum ist erst etwa um das 20. Lebensjahr herum abgeschlossen. Vor Ende des Jugendalters aber kommt es zu hormonellen Turbulenzen, die nicht nur die sexuelle Entwicklung, sondern auch den Körperbau wesentlich prägen.

Bis zur Pubertät sind Kinder bindegewebs- und muskelschwach. Zum Muskelaufbau braucht es die Geschlechtshormone. Das ist der Grund, warum manche Sportler der Versuchung erliegen, sich mit Testosteron zu dopen. Gleichzeitig ist das körperliche Wachstum an die regelrechte Produktion von Wachstumshormonen gebunden, die neben dem Längenwachstum der Knochen und ihre Härtung auch das Wachstum von Muskeln und Bindegewebe fördern.

Welche kinderorthopädischen Krankheitsbilder treten häufig auf?

Diese hormonellen Veränderungen sind in der Regel Ursache für die mit Beginn der Pubertät auftretenden Wachstumsschmerzen. Eine Haltungsschwäche jüngerer Kinder tritt ebenso häufig auf, wobei Bewegungsarmut diese Beschwerden verstärkt. Die Grenze zwischen (altersentsprechend) gesund und krankhaft ist dabei nicht immer leicht zu ziehen.
Viele Eltern sind daher oft beunruhigt. Doch nur etwa ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen, die fachärztlich untersucht werden, bedürfen einer weitergehenden orthopädischen Behandlung.

Dabei bieten die gesetzlich garantierten kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen (U1–U9, J1) eine gute Hilfe zur Früherkennung und ermöglichen eine erste Unterscheidung zwischen altersgerecht und wahrscheinlich behandlungsbedürftig.

Die Bandbreite kinderorthopädischer Erkrankungen reicht weit, hat sich aber im Laufe der Zeit verschoben. Bevor Impfstoffe und Antibiotika ihren Siegeszug antraten, waren Kinderlähmung und Knochentuberkulose gefürchtet, bei den Patienten stark verbreitet und mussten in Kliniken behandelt werden. Heutzutage liegt ein besonderes Augenmerk auf den zunehmenden Schwächen von Koordination und Motorik. Diese Entwicklung spiegelt zugleich die gesellschaftlichen Veränderungen wider. In unserer immer stärker technisierten Welt findet sich für den Bewegungsdrang von Kindern und die Entfaltung all ihrer Sinne häufig nur noch eingeschränkt Platz.

Angeborene und erworbene Erkrankungen in der Kinderorthopädie

Grundsätzlich lässt sich zwischen angeborenen und erworbenen Erkrankungen unterscheiden. Zu den angeborenen Erkrankungen gehören Fehlbildungen bzw. Fehlanlagen des Bewegungsapparates, wie z.B. die seltene Glasknochenkrankheit oder der Klumpfuß. Letzterer kann sich durch fehlende Muskeln bilden oder durch einen Nervendefekt verursacht werden. In diesem Fall spricht man von einem neurogenen Klumpfuß.

Am häufigsten jedoch ist eine angeborene Fehlbildung der Hüfte, die sog. Hüftdysplasie, die dazu führt, dass der Kopf des Oberschenkelknochens nicht richtig in der Gelenkpfanne der Hüfte ruht. Sie betrifft zwei bis drei von hundert Neugeborenen, davon mehr Mädchen als Jungen. Da diese Erkrankung unbehandelt schwere Gelenkschädigungen nach sich ziehen kann, wird bereits in der ersten Woche nach der Geburt (im Rahmen der U2) die Hüfte des Babys gezielt untersucht.

Nach Beendigung seines ersten Lebensmonats (im Rahmen der U3) wird außerdem routinemäßig eine Ultraschalluntersuchung am Patienten vorgenommen. Auch hier gilt: Die meisten dieser frühen Hüftgelenkschwächen wachsen sich von allein aus und zwar innerhalb der ersten beiden Lebensmonate. Ist dies jedoch nicht der Fall, muss dem Säugling eine Spreizhose oder Abspreizschiene angepasst werden. Wie lange diese getragen werden muss, hängt vom Ausmaß der Fehlbildung ab.

Welche erworbenen Krankheiten gibt es?

Eine seitliche, starre Verkrümmung der Wirbelsäule selbst – die sog. idiopathische Skoliose – kann ebenfalls angeboren sein, tritt aber meist erst mit Beginn der Pubertät auf. Ihre Ursache ist nicht geklärt. Man vermutet aber, dass sie entsteht, weil bestimmte Abschnitte der Wirbelsäule unterschiedlich schnell wachsen. Viel häufiger als diese Form der Skoliose, die der gezielten und regelmäßigen Behandlung durch einen Kinderorthopäden bedarf, ist die sog. funktionelle Skoliose. 

Die Verkrümmung der Wirbelsäule liegt hier nicht an ihrem fehlerhaften Aufbau, sondern hat andere Ursachen, etwa Beinlängendifferenzen oder ein muskuläres Ungleichgewicht. Im Gegensatz zur idiopathischen Skoliose lässt sich die funktionelle Skoliose in der Regel deutlich leichter durch orthopädische Maßnahmen beheben. Sie müssen darüber also nicht übermäßig beunruhigt sein. Der überwiegende Teil der Skoliosen gehört also zu den erworbenen Erkrankungen. Dazu zählen außerdem: 

  • Knochenbrüche
  • Verstauchungen und Verrenkungen in Folge von Unfällen 
  • Sportverletzungen
  • entzündliche Knochen- und Gelenkerkrankungen
  • gut- und bösartige Knochen- und Weichteiltumore

Ab wann sollten Auffälligkeiten behandelt werden?

Natürlich richtet sich die Behandlung kinderorthopädischer Erkrankungen – wie bei Erkrankungen Erwachsener auch – nach Art, Ursache und Schwere der Erkrankung. Es geht dabei aber in besonderer Weise darum, die individuelle Entwicklung des Kindes und seine Lebensumstände im Blick zu behalten. Körperliche und seelische Reifungsprozesse brauchen Verständnis und Zeit.

Altersentsprechend beinhaltet eine Norm, aber diese ist keineswegs starr und unterliegt nicht zuletzt gesellschaftlichen Bewertungsprozessen. Zwei Erstklässler oder zwei Geschwister können über unterschiedliche körperliche, geistige und soziale Fähigkeiten verfügen, die sich nicht verallgemeinern lassen. 

Viele Symptome, die Sie als Eltern in der körperlichen Entwicklung Ihrer Kinder bemerken und die Sie beunruhigen, bieten aus fachärztlicher Sicht deutlich weniger Anlass zur Sorge, denn sie verwachsen sich tatsächlich. Dies gilt für den in Phasen auftretenden nächtlichen Wachstumsschmerz ebenso wie für viele Formen der Haltungsschwäche. Sie stehen häufig mit den hormonellen Veränderungen in Zusammenhang oder sind Folge mangelnder körperlicher Bewegung.

Behandlungsnotwendigkeit: Auf diese Zeichen sollten Sie achten

Länger anhaltende, starke und/oder auf eine bestimmte Körperregion klar begrenzte Schmerzen, Beschwerden oder ausgeprägte äußere Auffälligkeiten sollten Sie jedoch immer ernst nehmen und gezielt durch einen Kinderarzt oder Kinderorthopäden abklären lassen. Wenn eine orthopädische Behandlungsnotwendigkeit besteht, kann zum überwiegenden Teil von operativen Eingriffen in Kliniken abgesehen werden. Stattdessen spielen gezielte Krankengymnastik und der Einsatz medizinischer Hilfsmittel wie z.B. Orthesen oder Einlagen für die Behandlung der Patienten eine wesentliche Rolle. 

Was für Erwachsene gilt, zählt auch in der Kinderheilkunde: 

  • Prävention bewahrt vor Folgeschäden
  • sportliche Betätigung muss Spaß machen, dann hält sie gesund
  • soziale und seelische Belastungen finden oft in körperlichen Beschwerden ihren Ausdruck


Diagnose und Therapie kinderorthopädischer Erkrankungen erfordern eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten, allen voran der Eltern und der Ärzte. Kinder lernen am Vorbild und mit Freude, nicht unter Druck und/oder auf sich allein gestellt. Nutzen Sie daher für sich und Ihr Kind die gesetzlich verankerten Vorsorgeuntersuchungen und die Zusatzangebote Ihrer Krankenkasse. Manche von ihnen bieten ergänzende Kindervorsorgeuntersuchungen für das Grundschul- und Teenageralter (U10, U11, J2) an. Profitieren Sie davon!

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